Wie läuft das ab, wenn eine Fernsehdokumentation geschnitten wird? In diesem Fall nicht nur irgendein Film, sondern eine Produktion für ARTE und den ORF, die mehrsprachig ausgestrahlt und ein Millionenpublikum in ganz Europa erreichen wird. Dieser Frage bin ich nachgegangen und habe letzte Woche Gigga Neunteufel (Drehbuchautorin, Regisseurin) und Dominic Kubisch (Filmeditor) beim Schnitt des Films „Das Wiener Mäzenatentum – die Kunst des Gönnens” begleitet.

Die Fernsehdokumentation beschäftigt sich in 52 Minuten mit einem Phänomen, das heute niemandem mehr bewusst zu sein scheint. Im 19. Jahrhundert finanzierten Mäzene viele der Bauten, die bis heute für Wien stehen. Was für ein Wien hätten wir heute ohne diese Mäzene? Es gäbe weder den Wiener Musikverein, noch die Secession, kaum Prunkbauten an der Ringstraße und fast keines der traditionsreichen Wiener Spitäler.
„Das Wiener Mäzenatentum- die Kunst des Gönnens” beschäftigt sich mit der Frage, wie sich das mäzenatische Wirken der Ringstraßengesellschaft auf Wien ausgewirkt hat. Anlass für die Doku ist das „Patrimonium Europa”, in dem sich jedes Land mit einer Dokumentation den Nachbarn in Europa vorstellt.
Als Regisseurin und Drehbuchautorin ermöglicht uns Gigga Neunteufel, Geschichte in dieser Fernsehdokumentation hautnah mitzuerleben. Das kann sie gut, denn damit hat sie auch in ihren Rollen als Schausspielerin viel Erfahrung gesammelt. War und ist sie doch in diesem zweiten beruflichen Standbein auf Erlebnistheater spezialisiert, das Geschichten – und die Geschichten hinter diesen Geschichten – auf der Bühne erzählt.
Aber welche Rolle hat der Filmeditor oder Schnittmeister, wie man ihn früher ehrwürdig bezeichnet hat, bei der Montage einer TV-Dokumentation?
Der vielseitige Dominic Kubisch hat Schnitt bei Univ.-Prof. Michael Hudecek an der Wiener Filmakademie studiert. Dort schließt er auch gerade seinen Magister im Zweitstudium „Produktion” bei Univ.-Prof. Danny Krausz ab. Die Werke von Dominic Kubisch wurden auf renommierten Festivals, wie dem Karlovy Vary Filmfestival, dem Filmfestival Max Ophüls Preis oder dem First Steps Award gezeigt.
„Ein Film entsteht am Schneideplatz. Er fängt dort an zu leben. Es ist ein unglaubliches Privileg, bei diesem Prozess dabei zu sein. Die letzte Fassung des Drehbuchs wird beim Schnitt des Films geschrieben. Mit diesem Vertrauen gehe ich sorgfältig um, denn es gibt hunderte Varianten, wie du eine Szene schneiden kannst, aber es gibt nur wenige, die rhythmisch richtig sind. Und es gibt noch viel weniger Varianten, in denen das Timing und alles andere richtig erscheint.” Dominic Kubisch

Viele Wochen verbringen die Regisseurin Gigga Neunteufel und der Editor Dominic Kubisch in seinem Schnittstudio im 2. Wiener Gemeindebezirk. Es sind Wochen des intensiven Kennenlernens – ja, die beiden arbeiten das erste Mal zusammen – und Wochen des Eintauchens ins Material. Zentrale Frage dabei: Wie lassen sich Geschichten in einer Weise erzählen, sodass die Zuschauerinnen und Zuschauer fast eine Stunde lang mitgerissen werden?
“Schneiden ist eine wahnsinnig intensive Arbeit, die extrem anstrengend ist. Wenn man die Qualität halten will, muss man immer wieder aktive Pausen machen, wo wir dann den Ball nehmen oder Turnübungen machen oder in die Küche gehen, einen Kaffee trinken. Da reden wir dann über ganz was anderes.” Gigga Neunteufel
Gigga Neunteufel beschreibt das Eintauchen in das Material so: “Es ist vor allem ein Prozess des ‘kill your darlings’. Man fängt an, sich in bestimmte Sager zu verlieben. Dann hat man aber drei gute Sager zum selben Thema und man kann nur einen nehmen. Das Zurücklassen von gutem Material ist das Schwierigste am Schneiden, finde ich.”
Für Dominic Kubisch bedeutet diese Phase, mit einem wachen Auge bei der Sache sein, um nichts zu übersehen:
„Das ist der wesentliche Unterschied zum Lesen eines Buches oder Schauen eines Films. Ein Buch kann man weglegen, um zu pausieren oder über das Gelesene nachzudenken. Anders verhält es sich beim Film, der in einem Zug abgespielt wird. Das hat für mich speziell bei der Gestaltung, wie ich die Montage anlege, wesentliche Bedeutung. Dass Luft zum Atmen bleibt, dass man als Zuseherin und Zuseher das Gesehene verinnerlichen kann und dass es kleine Momente der Reflexion geben kann.”
Auch wenn es bald einen groben Plan gibt, bleibt es spannend. Funktionieren die ausgewählten Szenen in der Montage? Wie können sie inhaltlich verbunden werden, wie kann der rote Faden des dramaturgischen Konzepts in jeder neuen Szene wieder aufgenommen und weitergesponnen werden? Gigga Neunteufel nennt es das „Vorantreiben der Geschichte”: “Bei 52 Minuten sind das ja sehr, sehr viele Transformationen. Eine enorme Herausforderung sind dabei die Graphic Novels, die wir einsetzen. Es reicht auch nicht, die Geschichte zu erzählen, sondern es sollten dabei immer die dramatischen Elemente besonders herausgearbeitet werden.”
Mit dabei am Schneidetisch: die Protagonistinnen und Protagonisten des Films. So als wären sie Teil des Teams.
“Wenn man stundenlang mit jemandem zusammensitzt, der gar nicht da ist und den in all seinen Einzelheiten kennenlernt, da baut sich dann eine Beziehung auf. Man lacht dann oft mit dem Nicht-Anwesenden, wenn er wieder etwas Lustiges sagt.” Gigga Neunteufel

Unverzichtbar für Fernsehdokumentationen wie diese ist ein guter Sprecher. Thomas Eichhorn ist nicht nur eine der großen Stimmen Österreichs, sondern auch Opernsänger, Musiker und Philosoph. Dieser breite Erfahrungsschatz macht ihn zum idealen Partner für diesen vielschichtigen Fernsehfilm.

Ein zentrales Problem, das wohl die meisten Dokumentarfilme zu lösen haben: Wie können komplexe Inhalte so spannend erzählt werden, dass die Zuseherinnen und Zuseher scheinbar mühelos mitgerissen werden. Dafür gibt es unterschiedliche Strategien. Wie zum Beispiel Infografiken, Illustrationen oder Reenactments …
Gigga Neunteufel, die Produktionsfirma und allen voran die auftraggebenden Fernsehanstalten ARTE und ORF haben sich in diesem Fall für animierte Illustrationen entschieden. Und hier kommt Roman Hansi ins Spiel. Er ist nicht nur ein begnadeter Illustrator, sondern auch AI-Spezialist. Der technische Fortschritt ermöglicht den Einsatz von filmischen Formaten auf höchstem Niveau, die in dieser Form in alter Produktionsweise unfinanzierbar gewesen wären.
Teamarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg für diese Filmproduktion, erklärt Gigga Neunteufel: „Ich bin ja eine Quereinsteigerin. Ich habe ganz viel von meinen Teams gelernt. Ich habe mitlernen dürfen von den Großen. Regieführen ist für mich keine diktatorische Angelegenheit, sondern immer ein demokratischer Prozess.”
„Vier Augen, sechs Augen, acht Augen sehen immer mehr. Ich glaube, dass Teams das Leben enorm bereichern. ” Gigga Neunteufel
Gigga Neunteufel ist eine treue Seele. Wenn die Zusammenarbeit gut klappt, dann wünscht sie sich das auch für die Zukunft: „Dominic und ich sind sehr schnell draufgekommen, dass wir uns beide sehr mögen. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, und ich würde mir echt wünschen, dass diese Kooperation zwischen uns jetzt in der Intensität, in der wir sie denken, wirklich auch Realität wird. Wir haben große Ideen und große Pläne für die nächsten Jahre und ja, wir werden dran bleiben, diese umzusetzen.”
Ich durfte einen Nachmittag mit diesem Team verbringen und habe mich extrem wohlgefühlt. Das lag natürlich vor allem an den Menschen, die ich kennengelernt habe. Aber es war auch der Schneideraum von Dominic Kubisch. Ein Eckraum mit Fenstern auf zwei Seiten und einem Ausblick auf den Volkertmarkt im 2. Wiener Gemeindebezirk, der etwas Magisches hatte. Und das sehe nicht nur ich so: „Der Arbeitsplatz, in dem Dominic und ich arbeiten können, das ist einfach ein Wahnsinn. Ein Raum, in dem man sich so wohlfühlt. So viel Licht, so viel gute Luft, so viel gute Vibes – das ermöglicht ein ganz anderes Arbeiten", schwärmt Gigga Neunteufel.
“In diesem wunderbaren Schneideraum sind wir belastbarer und lachen viel. Und dass wir auch neben dem Schneidetisch diese große Wand haben, wo wir uns ausbreiten können, ist perfekt. Es ist einfach toll, dass Platz dafür da ist und dass wir unsere Notizen auch hängen lassen können. Denn das geht in vielen anderen Schneideräumen nicht.” Gigga Neunteufel

Roman Hansi, Thomas Eichhorn, Gigga Neunteufel und Dominic Kubisch haben sich bei dieser Produktion gefunden. Was sie besonders vereint, ist ihr wertschätzendes Menschenbild, ihr Fokus auf Teamarbeit und ihr Humor. Im Schneideraum wird hochkonzentriert gearbeitet, da rennt aber auch der Schmäh und es wird viel gelacht.

Bei diesem Projekt bildet sich gerade ein berufliches Duo, von dem wir noch oft hören werden. Da schätzen sich zwei sehr, beruflich und auf einer freundschaftlichen Ebene: „Diese erste Sympathie, die ist sehr schnell in einen sehr freundschaftlichen Umgang übergegangen. Und jetzt hoffe ich sehr, dass der Dominic auch sagen würde ‘I've got a friend'”, fasst Gigga Neunteufel zusammen.
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